Nachfolger fehlen, Investitionen werden aufgeschoben: Deutschlands Mittelstand läuft in die Nachfolgefalle. Dies zeigt die 11. Ausgabe des Nachfolgemonitors, ein Kooperationsprojekt vom Verband Deutscher Bürgschaftsbanken e.V. (VDB), der Creditreform Rating AG und dem KCE KompetenzCentrum für Entrepreneurship & Mittelstand der FOM Hochschule für Oekonomie & Management.
Deutschlands Mittelstand gerät bei der Unternehmensnachfolge zunehmend unter Druck. Die geburtenstarken Jahrgänge erreichen das Übergabealter, während aus den jüngeren Generationen deutlich weniger potenzielle Nachfolger nachrücken. Zugleich stehen viele Betriebe vor der Herausforderung, notwendige Investitionen nachzuholen. Der Nachfolgemonitor 2026 zeigt, wie angespannt die Lage ist: 2024 erreichten die im Datensatz erfassten Unternehmensübergaben einen historischen Tiefstand. Das mittlere Alter der Übergebenden liegt inzwischen bei 64 Jahren, während der Frauenanteil unter den Übernehmenden 2025 auf den historischen Tiefstand von 18,9 Prozent gesunken ist. Wer einen Betrieb übernimmt, muss zudem häufig nicht nur den Kaufpreis finanzieren, sondern auch in dessen Modernisierung investieren.
Die demografische Nachfolgelücke verschärft den Handlungsdruck. Ein erheblicher Teil der Übergaben erfolgt erst im fortgeschrittenen Alter. Zugleich sind mehr als vier von zehn Übernehmenden zwischen 30 und 39 Jahre alt. Viele Babyboomer treffen damit auf zahlenmäßig kleinere Nachfolgegenerationen.
„Die Nachfolgelücke ist längst kein abstraktes demografisches Problem mehr. Sie entscheidet ganz konkret darüber, ob wirtschaftlich tragfähige Betriebe weitergeführt werden oder vom Markt verschwinden. Je später die Übergabe angegangen wird, desto schwieriger werden Nachfolgersuche und Finanzierung. Deshalb müssen wir deutlich früher über Nachfolge sprechen – bevor aus Zeitdruck ein Existenzproblem für den Betrieb wird“, Guy Selbherr, Vorsitzender des Verbands Deutscher Bürgschaftsbanken (VDB).
Frauen bleiben das größte ungenutzte Nachfolgepotenzial
Besonders brisant ist die Entwicklung bei den Frauen. Ihr Anteil unter den Übernehmenden fiel 2025 auf 18,9 Prozent – historischer Tiefstand und erstmals weniger als ein Fünftel. 2017 waren es noch 22,9 Prozent. Dabei fällt die typische Übernahmephase genau in die „Rushhour des Lebens“: Die größte Gruppe der Nachfolgenden ist zwischen 30 und 39 Jahre alt. Unternehmensübernahme, berufliche Entwicklung und Familiengründung konkurrieren um dieselben Jahre.
„Wenn weniger als jede fünfte Übernahme von einer Frau erfolgt, können wir das nicht als Randthema behandeln. Angesichts der demografischen Lücke können wir es uns schlicht nicht leisten, auf einen so großen Teil des unternehmerischen Potenzials zu verzichten. Wer mehr Nachfolgerinnen gewinnen will, muss die Bedingungen für Finanzierung und die Vereinbarkeit von Unternehmertum und Familie verbessern“, sagt Prof. Dr. Holger Wassermann, wissenschaftlicher Leiter des KCE KompetenzCentrum für Entrepreneurship & Mittelstand der FOM Hochschule.
Hinzu kommt: Nachfolge wird immer häufiger zur Solo-Aufgabe. 81,2 Prozent der Übernahmen wurden 2025 von Einzelpersonen gestemmt. Team-Nachfolgen bleiben die Ausnahme.
Der Kaufpreis ist erst der Anfang
Wer einen Betrieb übernimmt, übernimmt häufig auch einen über Jahre aufgelaufenen Investitions- und Modernisierungsbedarf. Das zeigt sich in der Ertragsentwicklung nach der Übergabe: Bei 52,9 Prozent der untersuchten Unternehmen steigt das EBITDA, also das operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Gleichzeitig verzeichnen 54,1 Prozent einen Rückgang des EBIT, das die Abschreibungen bereits berücksichtigt. Diese gegenläufige Entwicklung deutet darauf hin, dass das operative Geschäft in vielen Betrieben weiterhin tragfähig ist, die Ertragslage jedoch durch nachgeholte Investitionen belastet wird. Denn neue Maschinen, IT-Systeme oder Digitalisierungsmaßnahmen verursachen zusätzliche Abschreibungen, die das EBIT zunächst schmälern. Unternehmensnachfolger müssen damit häufig nicht nur den Kaufpreis finanzieren, sondern zugleich in die Zukunftsfähigkeit des übernommenen Betriebs investieren.
Das verschärft die Finanzierung: Rund 77 Prozent des erfassten Finanzierungsbedarfs einer Nachfolge entfallen auf den Kaufpreis. Für Modernisierung, Betriebsmittel und Wachstum muss zusätzlich Kapital vorhanden sein.
„Ein tragfähiges Geschäftsmodell allein reicht für eine erfolgreiche Nachfolge nicht. Unsere Daten zeigen, dass viele Übernehmende nach dem Einstieg erheblich investieren müssen. Wenn ein hoher Kaufpreis auf Modernisierungsbedarf und knappe Finanzierungsspielräume trifft, wird Liquidität schnell zum Engpass. Umso wichtiger ist, den Kapitalbedarf nicht nur bis zum Kauf, sondern für die ersten Jahre danach realistisch zu planen“, sagt Stephan Schütrumpf, Sales Director der Creditreform Gruppe.
Dabei zeigt der Nachfolgemonitor auch die andere Seite: Neues Management kann Unternehmen stabilisieren. Mehr als die Hälfte der Betriebe mit zuvor schwacher Bonität verbessert sich nach dem Eigentümerwechsel. Nachfolge kann damit wirtschaftliche Substanz nicht nur erhalten, sondern auch neue Entwicklung ermöglichen.
Unternehmensnachfolge wird zur Frage des Substanzerhalts
Die Zahlen zeigen eine Verschiebung: Unternehmensnachfolge ist längst mehr als ein Generationenwechsel. Wo Eigentümer zu spät verkaufen, Investitionen aufschieben und gleichzeitig Nachfolger fehlen, geht es um den Fortbestand wirtschaftlicher Strukturen. Besonders relevant ist das für kleine und mittlere Unternehmen: Gut die Hälfte aller durch Nachfolgen gesicherten Arbeitsplätze entfällt auf Betriebe mit 10 bis 49 Beschäftigten.
Download der Studie
Die Studie können Sie auf folgender Website herunterladen:
www.nachfolgemonitor.de